Regionale Wirtschaftskreisläufe – Eine Antwort auf die globale Finanzkrise?

Die Bedeutung regionaler Wirtschaftskreisläufe ist in den letzten Jahren aus dem Blickfeld geraten. Die Ausrichtung auf die Exportweltmeisterschaft könnte sich im Zuge der Finanzkrise zu einem Bumerang entwickeln. Regionale Wirtschaftskreisläufe angeregt durch regional aufgestellte Finanzwerkzeuge könnten Stabilität auf regionaler Ebene fördern, von der aus die globale Arbeitsteilung neu organisiert werden kann.

Es wäre naiv anzunehmen, nur auf Basis regionaler Wirtschaftsstrukturen könne man vergleichbaren Wohlstand schaffen, wie dies durch globale Arbeitsteilung möglich ist. Es ist aber ebenso naiv anzunehmen, durch reine Ausrichtung am globalen Markt könnten Regionen eine nachhaltige Wirtschaftsstruktur aufbauen. Die derzeitigen Entwicklungen an den Finanzmärkten der Welt zeigen: Die Vernetzung und Abhängigkeiten sind so groß, dass eine anfängliche Immobilienkrise in den USA bis nach Europa durchschlägt.

Mitverantwortlich dafür ist auch die ausgeprägte Monokultur im Finanzbereich. Es gibt hunderte „Finanzprodukte“, die sich auf überregionale und globale Renditeversprechen ausrichten und dabei alle auf demselben Währungssystem aufsetzen, aber es gibt kaum Finanzwerkzeuge, die einen regionalen Ansatz verfolgen. Im Ingenieurwesen ist es genauso üblich wie in der Informatik, kritische Teile von Maschinen oder Systemen mehrfach auszulegen. Fällt ein Teil oder Subsystem aus kann das Gesamtsystem weiterlaufen, weil es auf redundante Absicherungssysteme zugreifen kann. Wie anfällig das globale Finanzsystem ist, welches auf wenigen, riesigen Währungsräumen basiert, zeigt sich jetzt, wo eine Börse die nächste infiziert und die Vertrauenskrise bis hinunter zu kleinen und mittelständischen Unternehmen reicht, die bei steigenden Zinsen immer schwieriger an Kredite kommen.

Es wird Zeit, dass kontinentale und globale Währungssysteme um regionale Währungs- und Finanzsysteme ergänzt werden, die die Aufgabe haben, die Grundversorgung der Bevölkerung in den Regionen zu gewährleisten. Nahrungsmittel, Wohnen, Gesundheitsleistungen, Bildung, Kultur und regionale Mobilität lassen sich auf regionaler Ebene erwirtschaften. Regionen, die diese Grundbedürfnisse aus sich selbst heraus erwirtschaften können, sind unempfindlicher gegenüber globalen Ereignissen und externen Schocks.
Konkret bedeutet dies, dass Finanzwerkzeuge geschaffen und eingesetzt werden sollten, die regionale Wirtschaftskreisläufe und kleine und mittelständische Unternehmen besonders fördern. Neben Regionalfonds, die Sparkassen und Volksbanken auflegen könnten und die gezielt in die regionale Wirtschaftsstruktur investieren, sind auch Mikrokredite und Regionalwährungen geeignete Werkzeuge, um die lokale Wirtschaft zu stimulieren. Regiogeld, welches zusätzlich zum Euro eingesetzt wird, kann nicht aus der Region abfließen. Erlöse, die in Regiogeld erzielt werden, werden garantiert wieder in die Region investiert. Sie fließen von einem regionalen Wirtschaftsakteur zum nächsten und knüpfen regionale Verbindungen entlang der Wertschöpfungskette, während der Absatz regionaler Produkte und Leistungen gefördert wird. Es bildet sich ein regionaler Cluster, ein regionales Netzwerk, welches die Grundversorgung der Region mit Lebensnotwendigem erlaubt, auf dessen Basis die Beteiligung am globalen Wirtschaftsgeschehen wesentlich stabiler vonstatten gehen kann. Der „Chiemgauer“ im Chiemgau ist ein erfolgreiches Vorzeigemodell auf diesem Sektor.

Beim Chiemgauer ist es gelungen, über 600 Unternehmen in einem regionalen Netzwerk zu verbinden, die miteinander und mit den Endkunden Geschäfte tätigen. Regiogeld bringt dabei auch neue Ansätze zur Finanzierung mit sich, die nicht darauf beruhen, dass ein „externer Investor“ Geld mitbringt, sondern dass netzwerkintern Zahlungsmittel geschaffen und genutzt werden. Teilnehmende Unternehmen bei der Potsdamer „Havelblüte“ und beim sachsen-anhaltinischen „Urstromtaler“ unterzeichnen beispielsweise einen Vertrag, in welchem sie sich selbstverpflichten, von ihren Kunden das jeweilige Regiogeld zu akzeptieren. Auf Basis dieses vertraglich verankerten Leistungsversprechen stellt ihnen die Regiogeld-Initiative ein Startguthaben bzw. einen Kreditrahmen zur Verfügung. Kauft ein Unternehmen auf Basis dieses Kreditrahmens ein, so geht sein Konto ins Minus, während das Konto seines Geschäftspartners ins Plus geht. Dieses Plus, das ist das Regiogeld, welches dann innerhalb des regionalen Netzwerkes zirkuliert und den regionalen Leistungsaustausch ermöglicht. Und sicher ist: An die globalen Spekulationsmärkte kann diese Kaufkraft nicht fließen – Regiogeld ist gebunden an seine Region. Zusätzliche Bausteine, wie Sparmöglichkeiten und Kreditvergaben der Teilnehmer untereinander, sind derzeit in Entwicklung.

Regionale Wirtschaftsstrukturen werden nicht nur hinsichtlich der aktuellen globalen Finanzkrise wichtiger, sondern auch im Hinblick auf Klimawandel und Rohstoffknappheit. Wenn es mittel- bis langfristige Zielsetzung ist, von fossilen Energieträgern wegzukommen, so fördert regionales Wirtschaften auch dieses Ziel: Die meisten Regionen können eine regionale Energieautonomie nur durch regenerative Energieerzeugung erreichen, da fossile Energieträger gar nicht regional verfügbar sind. Die Vorkommen von Kohle und Öl konzentrieren sich auf wenige Gegenden der Welt, was aber in jeder Region vorkommt sind Sonne, Wind und Biomasse. Die Förderung regionaler Wirtschaftsstrukturen würde demnach dezentrale Energiesysteme auf regenerativer Basis mitfördern.

Allgemein ist die Energieversorgung ein weiterer grundlegender Punkt, um regionales Wirtschaften intensiver ins Auge zu fassen. „Peak Oil“ wird der Moment genannt, bei dem die globale Erdölförderung ihren Höhepunkt erreicht. Nicht, dass Erdöl gleich alle ist, aber ab einem bestimmten Punkt können wir nicht mehr so schnell Öl fördern, wie wir es gern verbrauchen würden. Geologische, technologische und politische Gründe führen zu diesem Punkt zu, der sich zu einem Wendepunkt in der Geschichte der Industrialisierung ausweiten wird. Denn während aufstrebende Länder in Asien, Südamerika und Afrika immer mehr Erdöl in Anspruch nehmen, sind die alten Industrieländer völlig abhängig von dem Grundrohstoff. Nicht nur Kunststoffe, Farben und Lacke stellen wir aus Öl her, sondern auch Düngemittel. Und natürlich verheizen wir den wertvollen Rohstoff in Heizungen und beim Antrieb unserer Fahrzeuge. Unsere heutige Wirtschaftsweise ist undenbkbar ohne Erdöl, aber wir müssen uns klar machen: Peak Oil wird laut Deutschem Institut für Wirtschaftsforschung spätestens 2025 erreicht, die Internationale Energieagentur sieht 2011/2012 den ersten Förderrückgang und die Association for the Study of Peak Oil (ASPO) sieht den Höhepunkt bereits als gekommen an. Eine Ökonomie der Nähe basierend auf lokalen und regionalen Wirtschaftskreisläufen würde auch dieser Entwicklung entgegenwirken, da lange, energieintensive Transporte durch kurze Arbeits- und Transportwege ersetzt werden könnten.

Dresden, 11. Oktober 2008


Dipl. Wirt.-Inf. Norbert Rost
http://www.regionalentwicklung.de