Eine Vision für die Verkehrsführung am Goldenen Reiter/ Neustädter Markt

Seit der Zerstörung Dresden haben sich viele Städtebauer und Architekten bemüht, unter Anlehnung an die vorhandenen städtebaulichen Gegebenheiten, der Inneren Neustadt ein neues Gesicht, besonders in Bezug auf den Neustädter Markt, zu geben.
Die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse hatten dabei auf die Entscheidungen der 50er bis 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts gravierenden Einfluss.

Im Ergebnis entstand eine Ost/West-Verkehrstrasse, die zu einer Unterbrechung der direkten Anbindung der Hauptstraße an die Augustusbrücke führte und wesentlichen Einfluss auf die Gestaltung des neuen Platzes hatte.

Ohne den damaligen Entwurf und die Ausführung diskreditieren zu wollen, führte diese Gestaltung zu einer starken Zäsur und zu einer Ausgrenzung großer Teile der Inneren Neustadt.
Die ursprünglich radial auf den Platz zulaufenden Straßen, wie Heinrichstraße und Rähnitzgasse enden durch die Blockrandbebauung wie an einer Mauer. Dadurch verliert der Platz an Urbanität, Maßstäblichkeit und Kleinteiligkeit.

Seit den 90iger Jahren beginnt das Stadtplanungsamt, Untersuchungen zur Öffnung des Platzes in die genannten Straßen anzustellen, was als Beginn einer anderen städtebaulichen Auffassung und Herangehensweise verstanden werden kann.

Im Planungsleitbild von 2007 kann man auf Seite 62 folgendes lesen:
„Der Inneren Neustadt wächst mit dem Neumarkt hinsichtlich Tourismus und Einzelhandel ein attraktiver Konkurrenzstandort mit Altstadtflair heran. Als weitere Zielsetzung gilt daher die funktionelle Anreicherung und Profilierung der Inneren Neustadt sowie eine intensive Anbindung an die Dresdner Altstadt. In diesem Sinne höchste Priorität hat eine komfortable und ebenerdige Querungsmöglichkeit im Bereich des Neustädter Marktes“.

Die logische Schlussfolgerung wäre nun, den Autoverkehr am Goldenen Reiter bzw. am Neustädter Markt aus dem Stadtgefüge zu entfernen, was aber infolge der städtebaulichen Entwicklungen der Nachkriegszeit bis zum heutigen Tag so gut wie unmöglich gemacht wurde. Um den Neustädter Markt wieder attraktiv zu machen, gibt es infolgedessen nur eine Möglichkeit, die jetzige Verkehrstrasse unter den Platz, wie auf Bild 1 dargestellt, zu verlegen.

In diesem Zusammenhang ist es interessant, sich mit den Entscheidungen aus den 60er Jahren zu befassen.
Im Jahre 1967 wurde ein Generalbebauungsplan/Generalverkehrsplan für die Stadt Dresden erarbeitet.
Im Bild 2 ist die prognostische Entwicklung gemäß genannter Pläne mit Stand vom 1.1.1967 dargestellt.

Es fällt sofort ins Auge, dass zunächst an eine Ost-/West-Trasse für den Autoverkehr am Neustädter Markt überhaupt nicht gedacht wurde.
Aus dem Bild 3 geht hervor, wie man sich seinerzeit einen äußeren Ring um die Stadt vorstellte, um den motorisierten Durchgangsverkehr aus der Stadt weitestgehend zu verbannen.

Beiden Zielstellungen wurde letztlich nicht gefolgt, was nur mit den wirtschaftlichen Verhältnissen erklärbar ist.
Die großen Umbaumaßnahmen wurden Stück für Stück zurückgenommen und dies zeigt, wie unrealistisch manche Vorstellungen waren.
Andererseits können wir heute froh darüber sein, dass alles nicht so, wie geplant, verwirklicht wurde, da damit auch viel an noch vorhandener städtebaulich historischer Substanz geopfert worden wäre.

Die Zielstellung, die Innenstadt für den Fußgängerverkehr attraktiver zu machen und den Durchgangsverkehr möglichst aus dem Stadtzentrum herauszuhalten, war aber damals so richtig wie sie heute ist oder sein sollte.

In dem Generalbebauungsplan von 1967 wird Bezug auf die historische Entwicklung genommen und daraus die Schlussfolgerung gezogen, dass die wichtigste Verbindung in der Stadt die Nord-/Süd-Trasse ist. Dies hat letztlich zu den bekannten Fußgängerzonen zwischen Hauptbahnhof und Albertplatz geführt.
Eine weitere Empfehlung in der Broschüre bezieht sich auf den individuellen Personenverkehr. Es wird darauf orientiert, Fußgängerbereiche unabhängig von den anderen Verkehrsnetzen niveaufrei anzubieten (s. S. 62 der Broschüre).

Dies hat in den damaligen Planungsrunden zu dem Vorschlag von Herrn Gruner (seinerzeit Planungsleiter im Projektierungsbetrieb des Baukombinates Dresden und verantwortlich für die Planung der „Straße der Befreiung“ – heute Hauptstraße, Herr Gruner unterstütze mich freundlicherweise auch bei der Verfassung dieses Artikels) geführt, den Fußgängerverkehr am Neustädter Markt ebenerdig zu führen und den Autoverkehr in den Untergrund zu verlegen.

Dieser Vorschlag wurde von den damaligen Entscheidungsträgern für sehr gut empfunden und deshalb eingehend geprüft. Im Ergebnis wurde auf Grund der an dieser Stelle hohen Leitungsdichte von der Stadtplanung jedoch die Aussage gemacht, dass die damit verbundenen Kosten das gesetzte Limit überschreiten und daher dieser Vorschlag nicht mehr Grundlage für die weitern Planungen sein könne.

Damit waren städtebaulich die Entscheidungen für die noch heute gültige Lösung gefallen.

An einen Wiederaufbau der alten Stadtstrukturen, wie sie auf dem Bild 1 dargestellt sind, wurde nicht gedacht. Das war fern aller Möglichkeiten und war politisch auch nicht gewollt. So beschränkte man sich auf den Wiederaufbau einiger Häuser, wie die z.B. die von Hoym und Kügelgen an der Hauptstraße. Insgesamt war die Eröffnung der Straße 1979 jedoch ein großer Erfolg und die Dresdner waren stolz auf das Geschaffene.

Heute ist die Situation aber eine ganz andere.
Die wieder aufgebaute Frauenkirche und der bereits in Teilen wieder entstandene Neumarkt nebst Umfeld sind eine einzige Erfolgsgeschichte und sind für die Stadt der wesentliche Tourismusmagnet geworden. Niemand möchte mehr darauf verzichten.
Umso mehr ist die Frage zu stellen, warum versuchen wir nicht bzw. die Stadt nicht, auch am Neustädter Markt, wenn nicht vollständig, so doch in Teilen die historischen Strukturen wieder herzustellen.

Eine wichtige Voraussetzung dafür, wäre eine Untertunnelung für den motorisierten Verkehr, wie auf Bild 1 dargestellt.

Die derzeitigen Untersuchungen des Stadtplanungsamtes zur Wiedergewinnung eines Teiles der historischen Strukturen und der historischen Substanz sind begrüßenswert. Es wird aber Entscheidendes letztlich damit nicht bewirkt, da die wesentliche Voraussetzung der Untertunnelung für den motorisierten Verkehr fehlt. Mit anderen Worten, es wird Stückwerk bleiben und mit allen jetzt in kleinen Schritten getroffenen Entscheidungen, vermauert man sich gewissermaßen eine großzügige Lösung für die Zukunft.

Nur eine unterirdische Verkehrsführung für den motorisierten Verkehr wird dem Platz und der Inneren Neustadt ein neues Gepräge geben. Nur bei einer unterirdischen Verkehrsführung können weit mehr städtebauliche Verbesserungen erzielt werden. Die Innere Neustadt würde eine bessere Anbindung an die Altstadt erhalten, was wiederum zu einer weiteren wünschenswerten Belebung und Urbanität der Inneren Neustadt und zu einem weiteren Tourismusmagnet führen würde.

Nicht zuletzt würde eine unterirdische Verkehrsführung auch eine bessere und höhere Vermarktbarkeit der durch die geänderte Verkehrsführung zum Verkauf angebotenen Grundstücksflächen bedeuten. Damit könnte – zumindest teilweise – der entsprechende Eigenanteil der Stadt Dresden an den zu erwartenden Investitionskosten abgedeckt werden.

Dr. Rüdiger Liebold